Verfolgt. Ein Film von Angelina Maccarone

Die folgende Filmbesprechung habe ich verfasst, als “Verfolgt” in die Kinos kam. Hier veröffentliche ich nun eine überarbeitete, erweiterte Fassung, um die Filmkritik wieder zugänglich zu machen. Dieser Text verrät zwar nicht eine Menge Details, aber manche Inhalte der Handlung werden besprochen, er ist also nicht ganz frei von Spoilern. Insbesondere in seiner Darstellung einer sadomasochistischen Beziehung hat der Film einige hervorragende und einige problematische Seiten. Ich kann auf jeden Fall empfehlen, ihn anzuschauen.

Auf Deutsch ist “Verfolgt” bei MMM Film auf DVD erschienen. Eine Version mit englischen Untertiteln gibt es in Großbritannien von Millivres Multimedia unter dem Titel “Hounded”. In den USA und Kanada ist der Film von Picture This! Entertainment auf DVD unter dem Titel “Punish Me” mit wahlweise englischen und spanischen Untertiteln erhältlich.

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Verfolgt. Ein Film von Angelina Maccarone. Das DVD Cover zeigt die Protagonisten Elsa (gespielt von Maren Kroymann) and Jan (gespielt von Kostja Ullmann).

Verfolgt. Ein Film von Angelina Maccarone. MMM Film. Deutschland 2006

Mein Partner und ich haben Angelina Maccarones Film Verfolgt 2007 im Kino gesehen. Wir waren neugierig geworden, als der Film als Liebesgeschichte und Drama mit Sadomasochismus als Thema abgekündigt wurde.

Verfolgt, mit Schauplatz im Hamburg der Gegenwart, erzählt eine Geschichte über ziemlich gewöhnliche Leute unter außergewöhnlichen Umständen. Der Film zeigt, wie sie Sadomasochismus entdecken – mutig, unbeholfen, menschlich, unverkitscht, glühend. Wir begegnen zwei Protagonisten, die offensichtlich keine Liebesaffäre miteinander haben sollten. Unter den gegebenen Umständen wäre eine solche Affäre unpassend, unethisch, riskant und dumm. Sie verlieben sich nicht nur konventionell ineinander. Sie beginnen eine sadomasochistische Beziehung.

Elsa (Maren Kroymann), eine Bewährungshelferin, ist mittleren Alters und verheiratet. Jan (Kostja Ullmann) ist bloß einer der vielen jugendlichen Straftäter, mit denen sie arbeitet. Er ist jung und sozial unbeholfen und mit dem Gesetz in Konflikt. Er ist außerdem masochistisch. Und er trifft eine Frau, Elsa, deren Gegenwart dieses innere Potential berührt. Obwohl Jan, ignorant in Sachen Partnersuche wie er ist, auf die ziemlich beklemmend abstoßendste Weise die man sich vorstellen kann, um sie wirbt, indem er sie offen und heimlich verfolgt, und anstatt seine Bitte in Worte zu fassen, sie ohne ihre Einwilligung zu dominant-devoter Interaktion nötigt, ist da etwas in der Natur des jungen Mannes, das irgendwann einmal eine Flamme von Dominanz und Sadismus in Elsa entzündet. Sie ist von ihm fasziniert, angezogen, und sie gewinnt ihn lieb. Ihre geheimen Treffen sind jedoch von Anfang an durch Verdächtigungen und Unverständnis aus ihrem jeweiligen sozialen Umfeld gefährdet. Elsas professionelles Ethos und der beträchtliche Altersunterschied würden bereits genügend Tabus darstellen, ohne dass obendrein auch noch BDSM hinzukommen müsste.

Ein Merkmal der sadomasochistischen Szenen des Films, das ich sehr mag, ist wie einfach und ungeschönt sie sind. Die Protagonisten experimentieren mit Unterwerfung und Kontrolle, Distanz und Nähe, Verletzlichkeit, Begehren, und dem Feuer des Gebens und Nehmens von Schmerz. Was sie tun, ist alles andere als perfekt; es ist ein Lernprozess mit Stolpersteinen. Mit Jans williger Kooperation gelingt Elsas erster Versuch mit erotischer Dominanz gut. Was das Zufügen von Schmerz anbelangt, ist es jedoch ein lächerlicher Reinfall. Als sie sich noch nicht richtig traut, etwas in dieser Richtung zu tun, fügt sich Jan, intelligent und geduldig. Elsa macht Fehler, wie etwa eine anscheinend nicht vorher besprochene Szene, die, weil sie sich über Eigenschaften ihres Bottoms nicht im klaren ist, ihn in dunkle Traurigkeit stürzt. Als Elsa den Schritt wagt, ihrem Sadismus freien Lauf zu lassen, erlebt sie nach der glücklichen Erfahrung “Top Drop”, und in der Aftercare-Szene gibt Jan seiner dominanten Partnerin positive Rückmeldung und spendet ihr Trost. Ein anderes Merkmal der BDSM-Szenen in diesem Filmdrama, das mir sehr gefällt, ist, dass ich sie sexy finde. Die Darsteller spielen durchweg überzeugend. Wenn man außerdem bedenkt, dass der Film ästhetisch ansprechend und in schwarz-weiß gefilmt ist, und dass ich Kostja Ullmann in seiner Rolle als devoter Mann wunderbar begehrenswert finde, ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich Verfolgt auch aufgrund der erotischen Qualitäten empfehle.

Bei den Stalking-Szenen habe ich mich innerlich gewunden, und inständig gehofft, dass keine alleinstehenden devoten Männer mit der abwegigen Vorstellung aus dem Kino nach Hause gehen, dass man sich ausgerechnet mit Stalking attraktiv machen könne. Ich fand die Idee, dass in der Handlung ausgerechnet Stalking zu einer Beziehung führt, unglaubwürdig und leidig. “Hey, es ist eine fiktive Geschichte, keine Ratgeberkolumne,” sagte ich wiederholt zu mir selbst. (Apropos, wäre es nicht erfreulich, mehr Filme zu sehen, in denen weibliche Figuren aktiv und direkt um Objekte ihres Begehrens werben.) Dass ein Partner so viel jünger als der andere ist, ist eine extreme Ausgangssituation für eine Geschichte, aber dank der Darsteller und der Regie wird die Beziehung in einer Weise lebendig, die sowohl überzeugend als auch bewegend ist. Es verwunderte mich ziemlich, dass die Protagonisten bei all ihren erotischen Handlungen nie dazu kommen, miteinander auch Sex im konventionellen Sinne zu haben.

Vom Genre her ist dieser Film ein Beziehungsdrama, daher soll das Privatleben der Figuren Probleme hervorbringen. Freude und Spaß und unbeschwerte Tränen haben in dieser Art der Erzählung keinen Vorrang.

Heutzutage ist es noch selten, dass fiktive Geschichten, die sich an ein breites Publikum richten, sich dem Thema Sadomasochismus mit guten Absichten nähern, anstatt es bloß für Lacherfolge oder Exotismus zu benutzen. Da ich ein sadomasochistischer Mensch bin, schaue ich mir einen Film mit diesem Thema nicht nur mit allgemeinem Interesse an. Ich nehme besonders wahr, wie dieser besondere Aspekt im Leben der Figuren gezeigt wird, und wie er mit der Handlung insgesamt verbunden ist. Insbesondere nehme ich die Rolle von Vorurteilen und Stereotypen wahr, die in unserer Kultur mit Sadomasochismus in Verbindung gebracht werden (und manchmal auch von Sadomasochisten selbst reproduziert werden).

Welches waren also meine Eindrücke von “Verfolgt” insbesondere in Bezug auf Vorurteile und Stereotypen?

Fangen wir mit den Inhalten an, die mich positiv beeindruckt haben.

Elsa und Jan sind Amateure. Sie lernen im Laufe der Zeit dazu. Als Elsa ihren Sadismus entdeckt, verwandelt sie sich nicht auf unerklärliche Weise in eine Alleskönnerin. Sie muss Sachen ausprobieren, langsam anfangen. Die Figuren sind Amateure im besten Sinne, Liebhaber die etwas tun, das sie lieben.

Jan ist ein erotischer, begehrenswerter, devoter, masochistischer Mann. Die Szenen, die seine Unterwerfung zeigen – wenn die Figuren denn mal einvernehmlich interagieren – sind sehr anziehend. Unsere allgemeine Kultur, und viele sadomasochistische Subkulturen, haben enorme sexistische Vorurteile, und stellen oft devote, masochistische Männer als erotisch weder begehrt noch begehrenswert dar. Nicht jedoch dieser Film. Besonders die intimen Szenen, die seine Schönheit zeigen, sorgen dafür, dass ich den Film wieder sehen möchte.

Elsa braucht keine Verkleidung. In Subkulturen, wo Kommerzialisierung und Sexismus herrschen, geschieht es immer noch, dass heterosexuelle Anfängerinnen fragen “Ich möchte zum ersten Mal mit meinem Mann Dominanz ausprobieren. Was soll ich anziehen?”. Dies bezieht sich nicht auf Leute, die tatsächlich selbst Fetische für bestimmte Kleidung haben, sondern auf Leute, die individuell oder kollektiv zur Kostümierung gedrängt zu werden. Es tut unendlich wohl, eine weibliche Figur in einer Geschichte zu sehen, die einfach mal anfängt. Kostüm? Was für ein Kostüm?

Jan und Elsa kaufen und verkaufen ihre Interaktion nicht. Sie haben eine persönliche Beziehung. Den meisten Menschen wird nicht von allgegenwärtigen kulturellen Klischees erzählt, dass ihre Sexualität normalerweise Sexarbeit sei. Heterosexuellen dominanten Frauen und devoten Männern wird genau das erzählt. In unserer Kultur wird immer noch mit überwältigender Häufigkeit angenommen, dass ein Mann, der einer Frau gegenüber devot ist, eine kommerzielle Dienstleistung erkauft, und zwar von einer Frau, mit der er ansonsten nicht in einer Beziehung ist. Es geht so weit, dass dominante und sadistische Frauen von vornherein für Sexarbeiterinnen gehalten werden, während devote und masochistische Männer von vornherein als Freier gelten. Es geht so weit, dass viele Frauen dazu gedrängt werden, professionelle Dominas und Pornodarstellerinnen in ihrem Privatleben nachzuahmen, und dass sich viele Männer auch in nichtkommerziellen, persönlichen Begegnungen so verhalten, als ob sie Freier wären (Klientenmentalität). Es geht so weit, dass in der allgemeinen Kultur und auch in vielen sadomasochistischen Subkulturen Frauen, die einfach sadistisch und/oder dominant in ihrem Privatleben sind, effektiv unsichtbar gemacht oder abgestoßen werden. Es ist wunderbar erfrischend, eine Geschichte zu sehen, in der ein devoter Mann und eine dominante Frau ihr eigenes sadomasochistisches Zeugs in einer persönlichen Beziehung machen.

Eines der Vorurteile, welchem Sadomasochisten aller Geschlechter und sexueller Orientierungen begegnen, wird explizit angesprochen. Der Film zeigt Nebenfiguren, die ignorant Sadomasochismus und Misshandlung in einen Topf werfen, und das Leid, das solche Vorurteile anrichten können. Dies ist ein wichtiger Inhalt der Handlung, und wird hervorragend gezeigt.

Diese Dinge wären nicht so auffällig, wenn die meisten durchschnittlichen Kinobesucher mit diversen sadomasochistischen Figuren vertraut wären, die Beziehungen sind, frei von Misshandlung, Amateure, und keine außergewöhnlichen Kleider benötigen. Wie die Dinge stehen, kann “Verfolgt” in dieser Hinsicht eine gewisse Pionierfunktion innehaben, von der nachfolgende Filmemacher sich inspirieren lassen können.

Inhalte, denen ich ambivalent gegenüberstehe.

Eine mächtige Figur, die ein Machtgefälle ausnutzt – dies ist oft der Stoff, aus dem sadomasochistische Fantasien sind. Nur soll diese Handlung eher realistisch sein. So zeigt “Verfolgt” mehrere Schichten: Jan ergreift die Initiative und projiziert seine devote Energie auf eine Person, die ein gewisses Maß an tatsächlicher Macht in seinem Leben innehat. Da es aber Gesetze gibt, die vorschreiben, was eine Bewährungshelferin mit einem Schutzbefohlenen tun und nicht tun darf, erschwert Elsas Position realistischerweise die Beziehung gerade, anstatt sie zu erleichtern. Was dieser Film nicht zeigt, ist die gewöhnlichere realistische Ausgangssituation: Sadomasochisten, die sich auf gleicher Augenhöhe begegnen und ihre eigenen Versionen von Ungleichheit miteinander konstruieren, freiwillig und aufgrund persönlicher Neigungen.

Vage Verknüpfung mit Kriminalität. Neben Lächerlichkeit und Kommerz assoziieren Vorurteile Sadomasochismus oft mit Verbrechen. Irgendeine Krimiserie soll aufgepeppt werden? Schafft die Leute mit dem bizarren Sex herbei. In “Verfolgt” hat eine der Hauptfiguren eine kriminelle Vergangenheit. Immerhin ist es Jan, also nicht das müde alte “Sadist = Verbrecher” Klischee. Kriminalität is jedoch kein zentrales Thema, es ist eher der Hintergrund, der die beiden Hauptfiguren zusammenführt. Nur dass Jans Stalking und Belästigung von Elsa sich ebenfalls auf kriminelles Territorium begibt. Dies bringt uns auf…

Inhalte, die einen negativen Eindruck auf mich machten.

Heimliche Untreue. Verdammt, war das deprimierend. Es ist ein zu weit verbreitetes Klischee, dass sadomasochistische Leute sich weniger um die ethischen Probleme heimlicher Untreue kümmern als die Allgemeinbevölkerung. Die machen doch auch all diese anderen ‘verbotenen’ Sachen, nicht? Partner zu hintergehen ist nicht einvernehmlich, im Gegensatz zu freiwilliger, ausgehandelter Polyamory. Heimliche Untreue verursacht nicht einvernehmliches Leiden. Ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sadomasochisten Partner betrügen, höher, niedriger, oder genau gleich wie bei der Gesamtbevölkerung? Ich weiß es nicht. Ich würde es vorziehen, wenn fiktive Handlungen nicht automatisch eins mit dem anderen verknüpften, und damit negative Vorurteile reproduzieren. Zumindest erscheint die Untreue in dieser Geschichte in einer ihrer weniger häufig erzählten Varianten. Es ist nicht das “dominante Frau = die andere Frau” Klischee.

Druck, Belästigung, Stalking und nicht-einvernehmliche Szenen, die in einer Beziehung und einvernehmlichen Handlungen resultieren. Dies war für mich am schwersten zu ertragen. Es macht einen Großteil der Anfangshandlung aus. Ich fand diese Szenen so abstoßend, dass ich möglicherweise, hätte ich nicht vorher Gutes über den Film gehört, frühzeitig das Kino hätte verlassen wollen, und wir hätten die erotischen und interessanten Szenen später verpasst. Der Filmtitel, “Verfolgt”, deutet schon darauf hin, worum es geht.

Leider sind die Belästigung und der Druck nicht der unrealistische Teil. Wenn man sich nicht mit den abstoßenden Erfahrungen auskennt, die Leute manchmal auf SM-Veranstaltungen machen, kann man diesen Teil der Handlung vielleicht zunächst schlecht einordnen. Es kommt durchaus vor, dass Leute mit Anspruchsdenken vergessen, dass die freiwillige Zustimmung des Bottoms nur die eine Hälfte von einvernehmlichem Sadomasochismus ist, und dass die Freiwilligkeit von Seiten des Tops ebenso relevant ist. Es ist zum Beispiel leider nicht ganz ausgeschlossen, dass Frauen auf einer SM-Veranstaltung plötzlich mit einem Fremden konfrontiert sind, der ihre Schuhe leckt, ohne sich vorher die Mühe zu machen, nach ihrem Einverständnis zu fragen (ganz zu schweigen davon, sich vorzustellen und die betreffende Person erst mal als Menschen kennen zu lernen). Auch wenn es ausdrücklich den Regeln einer Veranstaltung widerspricht, ohne Einvernehmen sadomasochistische Handlungen zu beginnen, gibt es manchmal Leute, die es trotzdem tun. (Klientenmentalität: Hier bin ich, also habe ich Anspruch auf SM-Handlungen mit irgend jemandem.)

In Diskussionen über Sadomasochismus ist es leider nicht ungewöhnlich, dass Leute mit Anspruchsdenken fragen “Wie bringe ich meine Partnerin (meinen Partner) dazu, X zu tun?”, anstatt an Einvernehmlichkeit orientiert zu fragen “Wie frage ich meine Partnerin (meinen Partner) ob sie (er) X ausprobieren möchte?” – ganz zu schweigen von einer an Gegenseitigkeit orientierten Frage “Und wie frage ich meine Partnerin (meinen Partner), was sie (er) gerne ausprobieren würde?” Dass Jan sich nicht darum schert, nach Elsas Einwilligung zu fragen, ist leider nicht unrealistisch. Dass Leute erst später im Leben ihre sadomasochistischen Neigungen ausprobieren, wie in Elsas Fall, ist auch nicht unrealistisch.

Was an dieser Handlung unrealistisch ist, ist das positive Resultat von Jans Stalking, Verfolgung und Druck. Stalker finden sich kaum mit einem Male in einer Liebesbeziehung mit ihrem Opfer wieder. Druck zerstört eher eventuell vorhandenes positives Interesse am Experimentieren. Nicht-einvernehmliches, von Anspruchsdenken geprägtes Verhalten treibt Leute, insbesondere Frauen, dazu, die Gesellschaft anderer sadomasochistischer Leute zu verlassen und die Partnersuche aufzugeben. Unter der Voraussetzung, dass persönliche Neigungen zu Dominanz und/oder Sadismus in einer Figur überhaupt erst einmal vorhanden sind, ist in einer Handlung mit einem Mindestmaß an Plausibilität jemand, der Druck ausübt, ohne Einverständnis handelt und über persönliche Grenzen trampelt so ziemlich der unwahrscheinlichste Kandidat dafür, das notwendige Vertrauen zu gewinnen, um der Mensch zu werden, mit dem diese Neigungen in die Tat umgesetzt werden. Der Film wärmt hier ein kulturelles Vorurteil auf, das sich nicht nur auf Sadomasochismus bezieht. Es ist, im weiteren Sinne, die irrige kulturelle Vorstellung von weiblicher Sexualität als unspezifisch, ohne eigenes Begehren. Es ist das irrige Klischee, dass die Sexualität von Frauen reaktiv und nach jedweden Wünschen, die ein Mann gerade auf uns projiziert, formbar sei.

“Verfolgt”, um es noch mal zu sagen, ist ein Beziehungsdrama, und daher ist es zu erwarten, dass die Beziehung selbst eine Quelle von einer Menge die Handlung vorantreibender Probleme ist.

In Zukunft, so hoffe ich, wird es neue Filme mit sadomasochistischen Figuren geben, deren Handlungen Konflikt und dramatische Spannung aus einer Vielfalt von Quellen schöpfen, und zwar anderen Quellen als eine vage Verknüpfung mit Kriminalität, Untreue, und Probleme mit nichtvorhandener oder zweifelhafter Einvernehmlichkeit. Und mit dominanten Frauen die, ja tatsächlich, Sex mit Männern haben, die ihnen gegenüber devot sind. Kommt schon, Drehbuchautoren, das schafft ihr!

Und ich hoffe auf mehr Filme, die, wie “Verfolgt”, Sadomasochismus mit Subtilität, Schönheit, und menschlicher Tiefe zeigen. Ich hoffe auf mehr Filme, die, wie “Verfolgt”, devote und masochistische Männer in ihrer erotischen Anziehungskraft zeigen. Ich hoffe auf mehr Filme, die Leute zeigen, die sadomasochistisch in ihrem Liebesleben sind; aus sich ergänzendem Begehren und Begehren füreinander; in ihrer alltäglichen Erscheinung, unverkleidet; nicht perfekt und allmählich lernend; mit gegenseitiger Achtung, Zuneigung, Leidenschaft und Liebe.

Die Welt des Sadomasochismus ist weit und voller Unterschiede. Dieser Film gibt uns einen Eindruck von zwei Figuren, die beginnen, ihren eigenen inneren Wünschen unter extrem widrigen Bedingungen Leben zu geben. Insgesamt ist Verfolgt kein fröhlicher Film. Aber für Leute, die an gutem Kino, an Sadomasochismus oder an beidem Interesse haben, ist er sehr sehenswert.

Ranai Pahav

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Sprachliche Notiz: In der deutschen Sprache verwenden wir oft das Wort Sadomasochismus als Sammelbegriff für ein weites Spektrum erotischer Aktivitäten, einschließlich Dominanz, Unterwerfung, Fesseln, Zufügen und Annehmen von Schmerz, und verschiedener Fetische.

Verfolgt wurde 2006 beim Internationalen Filmfestival von Locarno im Wettbewerb Concorso Cineasti del Presente (Cineasten der Gegenwart) mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet.

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Bilder von MMM Film

Elsa (Maren Kroymann) sitzt auf einem Stuhl und schaut zu, wie Jan sich vor ihr auszieht. Die erotische Spannung in ihren Szenen ist schauspielerisch beeindruckend und schön. Der Hintergrund veranschaulicht die trübe Heimatlosigkeit ihrer heimlichen Beziehung. Sie improvisieren und verstecken sich. Foto: MMM Film.

Jans ausdrucksvolles Gesicht (gespielt von Kostja Ullmann), nach oben gewendet. Das Halsband hat er mitgebracht. Elsa hat es jedoch nicht nötig, sich an Konventionen sadomasochistischer Moden zu halten. Sie hat eine andere Idee für etwas, das er für sie tragen soll... Foto: MMM Film.

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Links zum Film

DVD. Erhältlich bei Buch- und DVD-Händlern

Verfolgt. DVD Region 2. MMM Film. Deutschland

Hounded. DVD Region 2. Mit englischen Untertiteln. Millivres Multimedia. UK

Punish Me. DVD Region 1. Mit Untertiteln auf Englisch oder Spanisch. Picture This! Entertainment. USA und Kanada

Bilder

Bildergalerie bei Kino.de

Filmausschnitte

Trailer: Verfolgt. MMM Film

Trailer: Punish Me. Picture This Entertainment

Eine ihrer Szenen

Eine weitere Szene

Texte

Verfolgt bei der IMDB (Deutsch)

Verfolgt bei der IMDB (Englisch)

Punish Me. Auszüge aus Filmkritiken. Picture This! Entertainment (Englisch)

Verfolgt Artikel in der Wikipedia (Deutsch)

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Diese Filmkritik auf Englisch:
Verfolgt – Hounded – Punish Me. A film by Angelina Maccarone. Review in English.

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Wenn du willst, nimm mich

Mein Bewusstsein erwacht aus Träumen, in denen es sich auf schneebedeckten Hängen austobte. Wo bin ich denn? Ah ja.

Ein frostklirrender Morgen. Draußen sieht es grau aus. Wird es Neuschnee geben?

“Guten Morgen,” murmele ich schlaftrunken.

Mein Geliebter hört, dass ich wach bin. Er rutscht näher zu mir. Ich hebe meine Bettdecke an, und er legt sich direkt neben mich, warm an warm.

Ich schließe meine Augen noch mal und legen einen Arm über ihn.

Doch da ist noch mehr. Mehr als lächelndes morgendliches Nebeneinander. Ich merke es. Er ist unruhig. Es treibt ihn. Er sucht näher als nah.

Ich frage ihn “Willst du was fragen?”

Die Antwort kommt.

Er sagt leise “Wenn du willst, nimm mich.”

Und mehreres geschieht in mir auf einmal.

Zum einen abstraktes Glück. Seine Wortwahl und was dahinter steht. Wenn du willst, nimm mich. Sein Talent zur Unterwerfung. Dass er es sagt.

Während ich mich noch frage, ob ich ihn denn gerade nehmen will oder nicht, kommt in mir schon die Antwort. Wie ein weites Feld glitzernder goldener Punkte, das von vorne nach hinten durch meine Wahrnehmung schwimmt, wird in meinem Gehirn das Entzücken losgelassen.

Ich beuge mich über ihn, ihn zu küssen, so gut.

Es breitet sich die Lust in meinem Körper aus. Da ist er, dieser wundervolle Mann. Er wird machen, was ich will. Ich strecke mich, richte meinen Oberkörper auf meinen Armen auf.

Gleichzeitig geht ein Teil meines Denkens logistischen Fragen nach: Ist das kalt! Fenster zu machen und Heizung aufdrehen. Haben wir Kondome und Gleitmittel mitgenommen? Haben wir. Heute Vormittag ist dann wohl nichts mit Skifahren. Vielleicht nachmittags? Mal schauen. Falls ich Lust bekommen sollte, ihn zu schlagen, haben wir aber nichts dabei, oder? Doch, meine Haarbürste.

Ich will ihn ganz sehen. Jetzt. Ich muss ihm sagen, dass er sein T-Shirt ausziehen soll.

Und Erregung und Begehren und Zuneigung und banale Detailplanung erwachen, alles gleichzeitig.

Copyright (C) Ranai Pahav 2011

If you want to, take me in English

Aus dem Nirgendwo

Da passierte es wieder.

Vor ihren Augen zeichnete sich der Umriss seiner Kehle ab. Sie hob die Hand und berührte seinen Adamsapfel mit zwei Fingern.

Seine Hände bewegten sich im Reflex. Er hielt inne und presste die Hände neben seinem Körper herunter. Ganz leicht hob er sein Kinn.

Ein Nachmittag in der Sonne, faulenzend nebeneinander auf der Bettdecke liegend, zog sich in einem Moment zusammen. Weißes Begehren schoss von ihrer Klitoris zum Solarplexus. Alles um sie herum verblasste zu Nichts, ihr Bewusstsein in ihren Kreis gegossen.

Sie rappelte sich auf und setzte sich auf ihn, seine Hüften zwischen ihren Schenkeln, und zog sein Hemd hoch. Sie legte ein Ohr auf sein Herz, ließ seine Haare ihr Gesicht streicheln, während sie lauschte, wie es schneller schlug. Als sie ihren Kopf wieder hob, schaute sie in seine offenen Augen. Beim Einatmen ließ sie ihre Nasenflügel blähen.

Zur Antwort schob er die Hände hinter dem Rücken zusammen, so dass sie unter seinem Körper gefangen lagen. Den Kopf zur Seite gedreht und das Kinn hebend, bot er ihr seine Kehle dar.

Es zog sie herunter und überflutete sie mit Zärtlichkeit und Zerstörungstrieb. Mit geschlossenen Schneidezähnen berührte sie seinen Adamsapfel, berührte wieder mit einem angedeuteten Biss, und schnappte dann über ihm die Zähne zusammen. Das Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Sie spürte das schnelle Zucken seines Körpers zwischen ihren Beinen.

Sie nahm sein Gesicht zwischen die Hände. Wieder sahen sie einander an. Ihre Augen öffneten sich, zeigten den Abgrund, zeigten alles ihm, Beute und Komplize zugleich.

Mit gefletschten Zähnen fauchte sie. Ein trockenes, krächzendes Geräusch.

Sie wussten: alles konnte geschehen.

Copyright (C) Ranai Pahav 2010

Out of nowhere in English

Leere Hand?